31.05.26—23.08.26
Kommende Ausstellung

Zum Paradies

„Das Eyland muss ein Paradies sein.“
Prinz Wilhelm von Nassau, 1842

Das Paradies: ein ewiges Sehnsuchtsziel, und ebenso Spiegel unserer Zeit. Überall begegnet uns die Idee vom Paradies: in Werbung, Literatur, Film, Fernsehen und Kunst. Doch warum fasziniert uns das Paradies jetzt so sehr? Im Zentrum der Ausstellung steht die Auseinandersetzung mit einer kleinen Auswahl von Wegen, auf denen uns die Idee vom Paradies bisher geführt hat. Nicht als abstrakte Überlegung, sondern als konkrete Spurensuche in Landschaften, Bildern, Körpern und gesellschaftlichen Ordnungen. Die Villa Schöningen findet sich in einer Umgebung, die selbst nach einem Entwurf angelegt wurde. Die von Peter Joseph Lenné und Gustav Meyer geprägten Gärten entlang der Havel gehören zum preußischen Arkadien, in der Natur gestaltet wurde. Landschaft erscheint hier als Ideal  und als Versprechen.

Zum Paradies setzt genau an diesem Punkt an. Die Ausstellung versteht das Paradies nicht als Ort, sondern als wirkmächtige Vorstellung, die Bilder, Körper und Territorien formt. Innen und Außen sind eng miteinander verschränkt. Was im Haus als Motiv, Material oder Erzählung sichtbar wird, setzt sich im Garten als räumliche Erfahrung fort. Dabei folgt die Ausstellung keiner Idee von Vollkommenheit, im Gegenteil: Sie interessiert sich für die Brüche, Verschiebungen und Widersprüche, die bei der Dekonstruktion des Paradieses sichtbar werden.

Am Anfang steht kein Ursprung, sondern ein Verlust. In den Bildtraditionen erscheint das Paradies selten als gegenwärtiger Ort, sondern als Erinnerung oder Projektion eines Zustands außerhalb der eigenen Zeit. Diese Vorstellung bleibt jedoch nicht folgenlos. Sie hat Landschaften geformt, Natur in ein Bild überführt und dieses Bild zum Maßstab gemacht. Was als Harmonie erscheint, erweist sich als das Ergebnis von Kontrolle durch Auswahl, Gestaltung und Ausschluss.

Diese Logik prägt auch die Darstellung des Körpers. Über die Jahrhunderte hinweg wurde insbesondere der weibliche Körper als paradiesischer Raum und als fruchtbare, verfügbare Oberfläche und Projektionsfläche von Begehren imaginiert. Zeitgenössische Positionen brechen diese Ordnung auf, indem sie den Körper fragmentieren, materialisieren oder in ökologische und soziale Zusammenhänge einschreiben. Das Paradies verschiebt sich hier von einem idealisierten Versprechen zu einer Aushandlung. Auch die Erzählung von Adam und Eva lässt sich weniger als Ursprung denn als Struktur von Konflikten lesen. Figuren wie Lilith untergraben die Vorstellung eines harmonischen Anfangs und verwandeln das Paradies in eine Kontaktzone, in der Macht, Wissen und Geschlechterverhältnisse verhandelt werden.

Gleichzeitig lebt die Idee des Paradieses in Bildern idyllischer Landschaften fort. In tropischen Landschaften, nördlichen Weiten oder suburbanen Versprechen. Diese Bilder entstehen häufig im Kontrast zur eigenen Umgebung und beruhen auf dem Ausblenden jener Realitäten, die das idyllische Versprechen infrage stellen. Historisch ist diese Form der Sehnsucht eng mit kolonialen Projektionen verknüpft, in deren Zuge Landschaften, Ökologien und soziale Gefüge gewaltsam reorganisiert, ökonomisch ausgebeutet und langfristig destabilisiert wurden.

Die Ausstellung entfaltet ein Geflecht von Beziehungen zwischen historischen und zeitgenössischen Positionen. Motive verschieben sich, überlagern sich und treten in neue Zusammenhänge. So erscheint das Paradies nicht als verlorener Ort, sondern als eine Vorstellung, welche die Wirklichkeit formt und deren Spuren sich bis in unsere Gegenwart verfolgen lassen.

Dr. Anne Daffertshofer, Pola van den Hövel